Weaningzentrum – Spezialisierte Entwöhnung von der Langzeitbeatmung

Wenn das Atmen nicht mehr selbständig gelingt

Dank moderner Intensivmedizin können heute viele schwer erkrankte oder verletzte Menschen gerettet werden. Häufig ist dies jedoch mit einer längeren invasiven Beatmung verbunden. Von einer invasiven Beatmung spricht man, wenn ein Tubus oder eine Trachealkanüle zur Beatmung in die Luftröhre eingebracht wird.

So lebensrettend diese Maßnahme ist, so belastend kann sie bei längerer Dauer sein. Zu den häufigen Komplikationen zählen Lungenentzündungen, Muskelschwäche sowie allgemeiner Kräfteverlust. Bei Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) liegt die Sterblichkeit unter einer Langzeitbeatmung bei über 50 %.

Je länger eine Beatmung andauert, desto schwieriger kann die Rückkehr zur selbständigen Atmung werden.

Wann spricht man von schwierigem Weaning?

Von einem schwierigen Weaning spricht man, wenn nach überstandener akuter Erkrankung mehrere Entwöhnungsversuche innerhalb einer Woche nicht erfolgreich sind oder stagnieren.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig.

Pulmonale Ursachen

  • Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD)
  • Restriktive Lungenerkrankung (z. B. Lungenfibrose)
  • Zwerchfellparese
  • Trachealstenose
  • Stimmbandlähmung

Systemische und begleitende Ursachen

  • Critical illness Polyneuropathie / Polymyopathie
  • Herzdekompensation
  • Nierenfunktionsstörungen
  • Mangelernährung
  • Bewusstseins- oder Wachheitsstörungen
  • Funktionsstörungen des Magen-Darm-Traktes

Häufig ist es nicht eine einzelne Ursache, sondern das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das eine Entwöhnung im Akutkrankenhaus erschwert.

In diesen Situationen sind spezialisierte Zentren mit besonderer Erfahrung gefragt.

Unser Weaningzentrum

Als spezialisiertes Weaningzentrum haben wir uns darauf konzentriert, Patientinnen und Patienten wieder vom Beatmungsgerät zu entwöhnen.

In unserer Weaning- und Intensivstation stehen zehn spezialisierte Betten zur Verfügung. Seit unserer ersten Zertifizierung im Jahr 2010 haben wir mehr als 500 Weaning-Patienten behandelt.

Zu uns kommen Patientinnen und Patienten aus Intensivstationen überregionaler Krankenhäuser, aus Rehabilitationseinrichtungen oder aus auf Beatmung spezialisierten Pflegeeinrichtungen. In der Regel besteht eine Beatmung über Trachealkanüle oder Tubus.

In über drei Viertel der Fälle gelingt es uns, die Patientinnen und Patienten erfolgreich von der maschinellen Beatmung zu entwöhnen und damit eine Rückkehr in ein weniger intensiv betreutes Umfeld zu ermöglichen.

Unser therapeutisches Konzept

Nach Übernahme in unsere Weaning-Einheit erfolgt eine umfassende Diagnostik. Auf dieser Grundlage wird ein individuelles, klar strukturiertes Behandlungsschema festgelegt. Das Konzept wird im Verlauf der täglichen Visiten sowie in wöchentlichen Teambesprechungen regelmäßig überprüft und angepasst.

Unser multiprofessionelles Team aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegefachkräften, Atmungs- und Physiotherapeuten arbeitet eng zusammen.

Zentrale Therapiebausteine

Stufenweise Reduktion der invasiven Beatmung
Die maschinelle Unterstützung wird nach festgelegtem Schema schrittweise reduziert und die eigene Atempumpe gezielt trainiert.

Frühzeitiger Übergang zur nicht-invasiven Beatmung
Wenn möglich, erfolgt der Wechsel auf eine nicht-invasive Beatmung über Nasen- oder Mund-Nasenmaske zur Entlastung der Atemmuskulatur.

Sekretmanagement und Infektkontrolle
Regelmäßiges Absaugen von Sekreten – bei Bedarf auch bronchoskopisch – sowie konsequente Diagnostik und Behandlung pulmonaler Infektionen.

Behandlung begleitender Erkrankungen
Therapie von Herzinsuffizienz, Diagnostik und Drainage von Pleuraergüssen sowie Stabilisierung weiterer Organfunktionen.

Frühzeitige Mobilisation und Physiotherapie
Mehrmals tägliche krankengymnastische Maßnahmen zur Kräftigung der Atem- und Skelettmuskulatur.

Ernährungsmedizinische Betreuung
Screening auf Mangelernährung, gezielter Nahrungsaufbau und Zusatznahrung zur Vermeidung weiteren Muskelabbaus.

Logopädische Unterstützung
Bei Bedarf Sprach- und Schlucktraining.

Die Angehörigen werden aktiv in das Behandlungskonzept einbezogen. Auf Wunsch unterstützen wir bei der Organisation einer wohnortnahen Unterbringung.

Qualität und Zertifizierung

Zur Qualitätssicherung der Weaningzentren wurde durch die
Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin
das Netzwerk „Wean-Net“ gegründet.

Unser Weaningzentrum nahm von Beginn an an diesem Netzwerk teil. Die Behandlungsdaten werden anonymisiert erfasst und regelmäßig ausgewertet.

Im Jahr 2010 wurde unser Zentrum als erstes Weaningzentrum in Hessen nach eingehender Prüfung zertifiziert. Die erfolgreiche Re-Zertifizierung erfolgte 2024. Wir sind das einzige zertifizierte Weaningzentrum in Kassel und Umgebung.

Deutschsprachige Studien (Schönhofer et al.) berichten über Dekanülierungs- bzw. Extubationsraten zwischen 63 % und 68 %. In unserem Zentrum liegt diese Rate bei 83 %. Unterschiede im Patientenkollektiv und im Schweregrad der Grunderkrankungen sind hierbei zu berücksichtigen.

Weiterbehandlung und Perspektive

Durch unsere enge Vernetzung gelingt es häufig, eine weiterführende Behandlung in einer rehabilitativen Einrichtung oder in einer geriatrischen Fachabteilung anzuschließen.

Unser Ziel ist es, schwer erkrankten Patientinnen und Patienten durch strukturierte, spezialisierte Therapie eine größtmögliche Unabhängigkeit von der maschinellen Beatmung und damit eine verbesserte Lebensqualität zu ermöglichen.

Ansprechpartner

Dr. Tino Stoppa

Weitere Informationen erhalten Sie bei unserem Oberarzt der Weaningstation. 

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